LA GAZZETTA
G. Rossini
Bad Wildbad Rossini Festival
July 2007

RegieThaddeus Strassberger
Bühne und KostümeMadeleine Boyd
BeleuchtungMarkus Knoblich
Regieassistenz

Emanuele Capissi




Don PomponioMarco Cristarella Orestano
LisettaJudith Gauthier
AlbertoMichael Spyres
DoraliceRossella Bevaqua
Madame La RoseMaria Soulis
FilippoGiulio Mastrototaro
Monsieur TraversenFilippo Pollinelli
TommasinoEmaunele Capissi
AnselmoVincenzo Bruzzaniti






Opernwelt: September/Oktober 2007

Ruchloser Virtuose des Recyclings
Ende gut – alles gut: Zumindest in Rossinis Oper "La Gazetta“, die in Wildbad stürmisch gefeiert wurde

Ein Quantensprung indes auch hier. Thaddeus Strassbergers “La Gazzetta”-Regie, bei der [Madeleine] Boyds Eiffelturmszenerie nun regelrecht mitspielt: ein Hauch von totalem Theater, das, einmal losgetreten, nich mehr zu bremsen war. Der ultimative Rossini-Irrwitz – hier wurde er Ereignis. Lauter Verrückte.

A quantum leap [for the festival]. Thaddeus Strassberger’s direction, with Madeleine Boyd’s Eiffel Tower scenery played together properly: A breath of total-theater, that once let loose, couldn’t be stopped. The ultimate Rossini crazy-wit truly became an event. And the crazy man, even louder.

Stuttgarter Nachrichten - 16. Juli 2007

Die Reise in einem verrückten Flugzeug

Rossini-Opern laufen gerne nach identischen Strickmustern ab. Fast immer gibt es einen Vater aus der besseren Gesellschaft, der eine gute Partie für seine Tochter sucht. Letztere aber hat ihr Herz bereits andernorts verloren, und die Verwicklungen nehmen ihren Lauf.

In Bad Wildbad ist man solchen Klischees in der Vergangenheit stets mit einem charmanten Augenzwinkern begegnet. Jetzt, bei seiner neapolitanischen Buffa-Oper "La gazzetta" ("Die Tageszeitung"), wird jegliche Illusionsebene von vornherein ausgeschlossen. Die Vorführung beginnt, statt im Hotel, als eine verrückte Reise in einem ebensolchen Flugzeug, und selbst nach der Landung werden keinerlei Versuche gemacht, Bodenhaftung zur Realität herzustellen. Der parodistische Level nämlich ist auf der ursprünglichen Flughöhe verblieben, und die Einschläge der anarchisch-spritzigen Gags sind derart dicht, dass dem Publikum im Kurhaus kaum noch Zeit zum Aufatmen bleibt.

Dafür sorgen neben der hochvirtuosen Inszenierung von Thaddeus Strassberger auch die ständig changierenden Lichteffekte und ein Bühnenbild, das sich aus Bildfragmenten zum frühen Tourismus zusammensetzt, hinter denen der Torso von Hotelzimmern sichtbar wird - gleichsam als radikaler Querschnitt von Außen- und Innenansicht einer neuen, auf Äußerlichkeiten reduzierten Lebensform.

Die Akteure auf der Bühne tun ein Übriges, um das schrille Savoir-vivre zu unterstreichen. Sängerisch unübertroffen der Tenor Michael Spyres, Judith Gautier gestaltete die Hauptrolle der Lisetta mit ihrem technisch unbestrittenen, klanglich manchmal ein wenig scharfen Sopran. Alle anderen Sänger (Marco Orestano, Giulio Mastrototaro, Rossella Bevacqua und, mit Abstrichen, Maria Soulis) fügten sich ins gute Gesamtbild - dies vor allem im zweiten Akt, als die Spannungsbögen der Inszenierung ein wenig nachließen. Christopher Franklin leitete die hochkonzentriert spielenden tschechischen Kammersolisten aus dem tschechischen Brünn. Kleinere Einbußen bei den Übergängen dürften in den Folgeterminen dieser unbedingt sehenswerten Inszenierung eliminiert sein. - Hermann Wilske -

Production Photos by Markus Knoblich
Modell
Modell

Stuttgarter Zeitung - 16. Juli 2007

Der Maestro hat für alles Verwendung

Die brillante Wildbader Aufführung lässt gleichwohl erkennen, dass Rossini bei seinem Recyclingverfahren äußerst sorgfältig vorging. Unterstützt wird dieser Eindruck durch ein von Stefano Piana rekonstruiertes großes Quintett im ersten Akt, das nun in Wildbad samt einem gewichtigen, bisher ebenfalls fehlenden Rezitativkomplex erstmals erklingt. Judith Gauthier begeistert als kokette Lisetta mit glockenhellem, bis in schwindlige Höhen koloraturensicherem Sopran. Marco Cristarella Orestano (Pomponio), Giuio Mastrototaro (Filippo), Rosella Bevacqua (Doralice) und die anderen Solisten singen exzellent, doch die vokale Show stiehlt ihnen der exzellente Tenor Michel Spyres als weltfremd verliebter Alberto.

Die comicartige Inszenierung von Thaddeus Strassberger reklamiert Rossinis vernachlässigte Buffa mit ihrer anarchischen Lust an Wortwitz, Lärm und Chaos als absurd-ausgeflippten Theaterspaß. Madeleine Boyd (Ausstattung) lässt das Stück in einem Pariser Hotel der dreißiger Jahre spielen. Unscharfe Schwarzweißfotos auf Prospekten zeigen Teile des Eiffelturms, auf der Bühne gehen Rezeption, Foyer, Duschraum oder Schlafzimmer nach Bedarf ineinander über.

"The humorous staging by Thaddeus Strassberger claims that Rossini's neglected buffa, filled with anarchical pleasure of verbal wit, racket and chaos, is absurd, freaky theatrical-fun. Madeleine Boyd (scenic designer) sets the opera in a Parisian hotel in the thirties of the last century. Blurred black and white photos on brochures show parts of the Eiffel tower; on stage the reception desk, foyer, bathroom or bedroom merge as and when required."

Pforzheimer Zeitung - 16. Juli 2007

Ruchloser Virtuose des Recyclings
Ende gut – alles gut: Zumindest in Rossinis Oper "La Gazetta“, die in Wildbad stürmisch gefeiert wurde

BAD WILDBAD. Selten wurde beim Festival „Rossini in Wildbad“ so begeistert geklatscht, so anhaltend gejubelt, so frenetisch getrampelt wie bei der Premiere von „La Gazetta“. Tatsächlich bot die Aufführung von Rossinis wenig bekannter Komischer Oper von 1816 ein sommerliches Vergnügen vom Feinsten – nicht so sehr wegen des Stückes selbst, dessen Libretto eine turbulente Liebesgeschichte erzählt und in seinen abstrusen Irrungen und Wirrungen lediglich Halt bietet in der Gewissheit, dass am Ende alles gut ausgehen wird. Der Reiz der Einstudierung lag vielmehr in ihrer sprühenden komödiantischen Laune, die das Stimmungspotenzial der Musik in sängerische Höhenflüge und mitreißenden Spielwitz umsetzte.

... Dieser akademische Mehrwert tritt indessen zurück hinter den üppigen kulinarischen Genuss an der gut zweieinhalbstündigen Aufführung selbst, die vom Dirigenten Christopher Franklin am Pult der Tschechischen Kammersolisten Brno mit animierendem Schwung und souveräner Lust am musikalischen Feuerwerk geleitet und deren munter überdrehte Inszenierung von Thaddeus Strassberger besorgt wurde.

Rarely has there been such enthusiastic an applause, such a long-lasting a cheering, so frenetic a trampling of feet like at the premiere of “La Gazetta” at the Festival “Rossini in Wildbad”.” Indeed, the performance of Rossini's little known comical opera, written in 1816, offered a summer pleasure of the highest quality…The attraction of the performance lay in its sparkling comedic mood which translated the atmosphere of the music into high-flying singing and exciting wit…and whose quick-witted highly-excited production was staged by Thaddeus Strassberger.

The spark of contagious good mood kept jumping back and forth between stage and pit and quickly caught the audience as well.